Dr. Traugott Schall – Ehrenpräsident
der DAJEB
Rudolf Sanders: Beziehungsprobleme
verstehen – Partnerschaft lernen
Partnerschule als Kompetenztraining in Ehe- und
Familienberatung
Paderborn 2006 – 281 Seiten – 22,00 €
Rudolf
Sanders, der Autor des vorliegenden Buches ist unter den entsprechenden Fachleuten
und Praktikern kein Unbekannter. Auf Tagungen und in Vorträgen hat er seine
„Partnerschule“ einem weiten Kreis von Interessierten bekannt gemacht. Das aus
der Pädagogik und Erwachsenenbildung herkommende Konzept hat sich als wichtige
Ergänzung der schwerpunktmäßig psychologischen Ehe-, Familien- und
Lebensberatung erwiesen. Die nunmehr
vorliegende gründliche Darlegung ist darum folgerichtig und sinnvoll.
Das
Buch gliedert sich ganz klar in zwei Teile. Auf den Seiten 10 – 151 schildert
der Autor zunächst „Ausgangslage und Hintergründe“. Gründlich, genau und wissenschaftlich
fundiert berichtet er über die Situation von „Menschen in unserer Zeit“ (S.
23ff). Er legt eine „Idee vom Paar“ dar (S. 52ff.), beschreibt „Probleme im Zusammenleben
als Ausgangslage für Entwicklungsprozesse (S. 101ff.) und erörtert ausführlich
„Störungen der Kommunikation und Interaktion“ (S. 74 – 99).
Dieser
erste Teil des Werkes zeigt sich wie ein Lehrbuch zeitgenössischer Ehe und Eheproblematik.
Fachkräfte und interessierte Laien werden immer wieder Anregungen und
förderliche Aspekte für ihr Leben bzw. ihre Arbeit finden. Der Autor entwickelt
hier den ersten Teil seines Buchtitels. Er legt sein Verständnis von Beziehungsproblemen
dar und will anleiten, solche Probleme zu verstehen.
Der
Autor ist um hohe Sorgfalt und wissenschaftliche Fundierung bemüht. Das hat zu
Folge, dass seine Ausführungen gelegentlich unter einer erheblichen Abstraktion
leiden. So stellt der Autor beispielsweise „Psychische Grundlagen einer partnerschaftlichen
Ehe“ zwar kurz und prägnant dar, das Gemeinte aber muss jedoch in seiner
Lebensnähe erschlossen werden. Kenner älterer und klassischer Literatur werden
sich an Don D. Jacksons Aufsatz „Familienregeln: Das eheliche Quid pro quo“ (1968)
erinnert sehen. „Es gibt nichts umsonst.“ Das könnte in einer neuen Auflage
lebensnäher formuliert werden.
Die
theoretischen Ausführungen des Autors sind aktuell und vermeiden jegliche
kulturelle Verzögerung von Erkenntnissen. Als Beispiel dafür mag die
Berücksichtigung der empirischen Arbeiten von Klann und Hahlweg (1994 – 2002)
gelten, auf die der Autor sich immer wieder bezieht. Ganz auf der Höhe der Zeit
will sich der Autor augenscheinlich auch in Kap. 6 bewegen: „Von der Vorherrschaft
des Mannes zum Modell der Partnerschaft zwischen Frau und Mann“. Hier begnügt
sich der Autor mit der Schilderung der formalen Verhältnisse zwischen den
Geschlechtern. Dass die innerfamiliaren Verhältnisse zwischen Frau und Mann den
formalen äußeren auch in der Vergangenheit keineswegs immer entsprachen, wird
übersehen. War in der Geschichte die „Nähefrage“ möglicherweise durch
Konventionen ausgeblendet. Die „Machtfrage“ musste sicher immer beantwortet
werden. Die Partnerschule selbst ist Beweis dafür, dass juristische Regelungen
in der Praxis eines Paares auch heute wenig bewirken. Lehars Zauber
triumphiert: „Doch wie es drinnen aussieht, geht niemand etwas an!“ Die steigende
Zahl informeller, nicht geschlossener Ehen belegt das deutlich.
Erfreulich
und hilfreich sind die jeweils auch herausgehobenen Zusammenfassungen am Ende
eines jeden Kapitels.
Als
eigentlicher Schwerpunkt und auch Kaufgewinn muss der zweite Teil des Buches
gelten: „Partnerschule in der Praxis“ (S. 153 – 268). Wer sich durch den ersten Teil des Buches
hindurchgearbeitet hat, dem mag es gehen wie im Märchen vom Schlaraffenland.
Wer sich durch den Reisberg hindurch „gefressen“ hat, der hat es geschafft und
wird gewissermaßen „reich belohnt“.
Der
Autor beginnt mit der Darstellung eines Paarinterviews zur Beziehungsgeschichte
des Paares. Was für die Partnerschule als eine Art Kur der Beziehung aus
Gründen der begrenzten Zeit unabdingbar ist, wird auch für den „ambulanten“ Praktiker
hilfreich sein. Fachkräfte in den Beratungsstellen erhalten hier – quasi nebenbei
– einen Leitfaden für eine gründliche
Anamnese der Beziehung. Ein in Grundzügen dargestellter Fragebogen von
Klann und Hahlweg macht neugierig, ihn anzuwenden.
Der
Autor stellt sodann die drei Seminarformen seiner Partnerschule detailliert
vor. Grundlage ist ein Basisseminar von 40 – 60 Stunden. Es hat das innere
Ziel: „Anleitung zur Selbsthilfe“. Jeder der sieben geplanten Seminartage wird
ausführlich vorgestellt und beschrieben. Einzelne Übungen wie z. B. die
Phantasiereise oder das Arbeiten mit Ton werden so vorgestellt, dass sie von
anderen Seminarleitern nachvollzogen werden können. Der Autor kommentiert sein
Vorgehen und leitet so zur vorbereitenden und nachbereitenden Reflexion an. Fachkräfte
mit Gruppenerfahrung werden so ermutigt und angeleitet, ein solches Seminar
selbst durchzuführen.
Ein
zweiter Teil seiner Partnerschule ist ein „Aufbauseminar“ mit dem Thema:
„Lebendigkeit, Sinnlichkeit und Sexualität“. Dies Seminar ist in drei
Wochenenden (oder vergleichbare Zeitabschnitte) jeweils von Freitagabend mit
Sonntagabend gegliedert. „Der Körper als Ausgangspunkt der Lebendigkeit“,
„Phantasien als Wegweiser lebendiger Sexualität“ und „Integration
gegengeschlechtlicher Anteile“ werden als Themen dieser drei Teile genannt.
Auch hier gibt der Autor Rechenschaft über sein Vorgehen und Anleitung für
andere. Die vielfältigen Störungen sexueller Appetenz und einer erfüllten Liebesbeziehung
sollen in diesen Seminarteilen benannt und gemildert, wenn nicht gar behoben
werden. Die Bezeichnung „Aufbauseminar“ deutet dabei an, dass es sicher günstig
ist, wenn Seminarteilnehmer schon eine vertrauensvolle Beziehung zum
„Schulleiter“ und seiner Cotrainern entwickelt haben. Auch diese Darstellungen
geben den „ambulanten“ Fachkräften eine Fülle von Anregungen – selbst, wenn sie
ein solches Seminar nicht durchführen (können).
Das
zeitlich umfassendste Angebot macht der Autor in einem vierzehntätigen „Paarkibbuz“,
konkret in einem zweiwöchigen „paar- und familientherapeutischen Seminar“. Wie
nicht anders möglich, gibt er Autor hier lediglich Hinweise und Anregungen. Sie
deuten daraufhin, dass der „Paarkibbuz“ im Kern eine stationäre Beratung ist
und alle förderlichen Interventionen aus der Paarberatung oder dem systemischen
Arbeiten tunlichst Anwendung finden können – und sollen. Fachkräfte aus eher
ländlichem oder kleinstädtischem Umfeld werden vermutlich mit leicht resignierter
Sehnsucht daran denken, dass eine solche Veranstaltung im überschauabaren
Umfeld kaum möglich ist. Das schmälert Idee und Anliegen nicht. Der Autor will
ganz offensichtlich Mut machen, so etwas einmal zu beginnen.
Der
zweite Teil des Buches in Fundgrube und Anteilung zur Praxis zugleich. Ein gelegentlich
geringerer Aufforderungscharakter in der Darstellung wird durch die Fülle des
angebotenen Materials ausgeglichen. Wer sich über Idee und Konzept der
„Partnerschule“ informieren möchte, ist gut bedient.
(Dr.
Traugott Schall)