Ursula Reinsch
GwG Gesellschaft für
wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V. Köln
Fachverband für Psychotherapie und
Beratung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rudolf
Sanders: Beziehungsprobleme verstehen – Partnerschaften lernen. Partnerschule
als Kompetenztraing in Ehe- und Familienberatung
2006, Junfermann Verlag,
Paderborn
22,00 Euro
ISBN 3-87387-635-4
„Besser mit dem alten
Partner was Neues, als mit dem neuen das Alte!“ – Dieser Satz steht im
Kladdentext des Buches und könnte als Credo für Rudolf Sanders „Partnerschule“
gelten. In seinem Buch bezieht der Autor Partnerschaftskonflikte, um die es in
seiner Partnerschule stets geht, zunächst auf die neurobiologische Forschung.
Dort lautet die passende Kernaussage – vereinfacht ausgedrückt: „Wir können
nichts Altes wegmachen, sondern müssen Neues hin-machen“. Dies gilt für Gefühle
wie für Verhaltensweisen. Was damit gemeint ist, erklärt der Autor so: „Bewegen
sich zwei unbewusst in einem ‚alten Film’, kann es passieren, dass die
scheinbar unbedeutende Geste mit der Hand, die Flasche Bier auf dem Tisch, das
Spielen einer bestimmten musikalischen Stilrichtung plötzlich eine Katastrophe
auslöst.“ In solchen Situationen übernähmen bestimmte Erregungsmuster
Regulationsfunktionen. Solche Automatismen könnten, wie dies
Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie aufzeigten, durchbrochen werden.
Neue Lösungsstrategien könnten bewusst entwickelt werden. Würden diese eingeübt,
würden sich das auch in neuen neuronale Strukturen zeigen.
Rudolf Sanders erläutert
auch die evolutionären, historischen und philosophischen Hintergründe seiner
Partnerschule. Er legt den Finger auf Wunden der postmodernen Lebensweise,
zeigt die sich permanent verschlechternden Rahmenbedingungen postmoderner
Paarbeziehungen auf. Zwar bevorzugten Menschen nach wie vor die Ehe,
tatsächlich seien sie durch die kaum noch in der Lage dazu, sich dauerhaft zu
binden. Als Stichworte nennt Sanders die hohen Scheidungsraten, die sinkenden
Geburtenzahlen, Anforderungen aus der Arbeitswelt, berufliche Mobilität,
Werteverfall, das Leben durch und mit Medien anstelle eigenem Erleben u.a.m.
Deutlich wird beim Lesen,
wie schwer es Paare haben, in der heutigen Zeit ein dauerhaftes und
befriedigendes Miteinander aufzubauen, in dem Liebe und Sexualität einen festen
Platz haben. Sanders zeigt uns, wie es (anhand zahlreicher praktischer) Übungen
gelingen kann, die Ressourcen von Paaren (neu) zu entdecken, zu aktivieren und
festgefahrene Wege zu verlassen, alte Muster zu überwinden. Gelebte Automomie
und Zweisamkeit seien Kennzeichen befriedigender Paarbeziehungen.
Der Autor hat in sein Buch
einen „Leitfaden für den ersten Kontakt“ in einer Paarberatung aufgenommen und
ebenso ein „Paarinterview zur Beziehungsgeschichte“. Beides kann BeraterInnen
helfen, Erstkontakte zu gestalten. Sanders schildert im letzten Teil des Buches
die drei Module seiner
Partnerschule: Basisseminare, Aufbauseminare, Paarkibbuz, die jeweils als Gruppentrainings
durchgeführt werden.
Dies ist ein Buch für
BeraterInnen, die in der Ehe- und Familienberatung arbeiten und deren Basis
personzentrierte Grundhaltungen sind – denn an sie wendet sich das Buch.
Profitieren können auch Ratsuchende, die einen Beratungsprozess besser
antizipieren oder verstehen können. Das Buch ist als Alternativmodell zu
Trennung und Scheidung gedacht. Und diesem Anspruch wird es ganz sicher
gerecht.
(Ursula Reinsch)