VPP (Verhaltenstherapie und psychsoziale Praxis,
dgvt) (noch nicht erschienen)
Prof. Dr. Frank Nestmann, Dresden, Professur für
Beratung und Rehabilitation
Rudolf Sanders:
Beziehungsprobleme verstehen – Partnerschaft lernen.
Partnerschule als Kompetenztraining in Ehe- und Familienberatung
Junfermann Verlag Paderborn 2006
ISBN: 3-87387-635-3
22,00 €
Rudolf
Sanders, Leiter der Katholischen Ehe- und Familienberatungsstelle Hagen und
Iserlohn sowie Herausgeber von `Beratung Aktuell´, hat mit „Beziehungsprobleme
verstehen – Partnerschaft lernen“ ein Buch geschrieben, was in der überbordenden
Flut existierender Beziehungs- und Eheratgeber deutlich heraussticht. Der
`Erfinder´ und langjährige Entwickler einer Partnerschule als Kompetenztraining
in der Ehe- und Familienberatung verbindet hier die didaktisch gekonnte und
systematisch aufgebaute Weitergabe seiner ebenso fassettenreichen wie
fundierten Erfahrungen in drei verschiedenen Modellen der Paararbeit im
Gruppensetting mit einer psychosozialen Erörterung und Analyse von
Partnerschaft und Elternschaft, ihren Ressourcen, Anforderungen, Problemen und
Krisen hier und heute.
Der
Autor besteht, und das ist rar im Ratgebersegment des Buchmarkts, auf einer
wissenschaftlichen Fundierung seiner Praxis, theoretisch konzeptionell wie vor
allem empirisch evaluativ. So werden die wichtigsten `wissenschaftlichen Fundamente´
seiner Partnerschule aus Pädagogik, Psychologie und Psychotherapie ebenso verständlich
und nachvollziehbar ausgewiesen wie die Möglichkeiten einer systematisch
geplanten Auswertung und Kontrolle der Trainingskonzepte.
Der
Vorwurf einer eklektischen Orientierung wird nicht ausbleiben, aber Rudolf
Sanders offenbart sich eher als ein reflexiver Integrationist, der überzeugend
deutlich macht, dass in seinem Ansatz Denken, Fühlen, Körpererleben und Handeln
ebenso zusammengehen wie Individuum und persönliche soziale Beziehungen. Man
erfährt, dass eine personenzentrierte Grundhaltung, die Analyse von
Übertragungsphänomen und verhaltenstherapeutische Methoden sich in der Praxis
der Beratung mit Paaren nicht ausschließen und dass dabei die Leitlinien einer
allgemeinen Psychotherapie: Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung,
Problembewältigungshilfe und Klärung dem Ansatz klare Konturen vermitteln
können – alles auf einem anwendungsbezogenen Niveau, welches PraktikerInnen
wirklich Unterstützung liefert. Da hätte es der gelegentlichen (heute scheinbar
unausweichlichen) genetisch neurobiologischen Einsprengsel gar nicht bedurft.
Man
muss die in ihrer Breite zwangsläufig allgemein bleibenden gesellschaftlichen
Gegenwarts- und Entwicklungsanalysen und die daraus abgeleiteten Problematisierungen
von Ehe, Familie, Partnerschaft und Kindern nicht in Gänze übernehmen.
Sozioökonomische und soziokulturelle Interessenkonstellationen, wie Machtverhältnisse
im `Großen´ und `Kleinen´ bleiben weitgehend ausgespart und auch herrschende Geschlechterverhältnisse
z. B. in Bezug auf Ehe, Paarideen oder Treue werden nur zaghaft kritisch
thematisiert. Aber Rudolf Sanders stößt zum Nachdenken über viele Fassetten
vieler Partnerschaften an. Er tut noch weit mehr. Er liefert vor allem PraktikerInnen
der Ehe- und Familienberatung eine Vielzahl hilfreicher Reflexions- und
Interpretationsfolien für ihre Arbeit sowie drei sehr elaborierte praktische
Handlungs- und Trainingskonzepte zur Arbeit mit Paaren in Gruppensettings, bis
hin zu konkreten Durchführungs- und Auswertungsanweisungen.
Ein
Fremdbeitrag von Christine Kröger berichtet zudem über die gelungene Evaluation
dieses offensichtlich erfolgreichen Kompetenztrainings in der Ehe- und Familienberatung.
Somit
trägt der Autor und sein Buch direkt zur Verbreitung eines qualitätsgesicherten
Paartrainings und indirekt hoffentlich zur Förderung eines konstruktiven
Miteinanders vieler Partnerschaften und Paare bei.
Frank
Nestmann