Evangelische
Fachkonferenz für EFL
Rosemarie Carlhoff-Albers
Rudolf Sanders, Beziehungsprobleme verstehen –
Partnerschaft lernen. Partnerschule als Kompetenztraining in Ehe- und
Familienberatung. Jungfermann- Verlag, Paderborn, 2006.
ISBN: 3-87387-635-3 , 281 Seiten, 22.- €.
Rudolf Sanders kommt aus der Erwachsenenbildung, ist
Eheberater und Leiter der katholischen Beratungsstelle in Hagen und Iserlohn.
Er kennt die Fragen und Beziehungskrisen von Menschen. Da Beziehungen lebenslange Lernprozesse sind – so
Sanders - müssten viel mehr Menschen in der Lage sein, das „Beste“ aus einer
Partnerschaft herauszuholen. Das Potential ist vorhanden, doch wie kommt man an
all das, was sich noch im „Verborgenen“ befindet und sich entwickeln will? Sanders
ist überzeugt, dass in den Ressourcen der Paare selbst ein wichtiges Potential
zur Klärung und Bewältigung der Interaktions- und Kommunikationsprobleme liegt.
Sanders nennt sein Paargruppenmodell „Partnerschule“,
und er meint es ganz wörtlich: Wissen wird gelernt, Informationen werden
übermittelt, Wahrnehmungen geübt und durch unterschiedlichste Methodenvielfalt
vertieft.
In ersten Teil seines Buches übermittelt Sanders
-sehr ausführlich (150 S.) - die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit und
seiner Konzeption. Er schreibt über den gesellschaftlichen Wertewandel der Ehe
und schildert die veränderten Voraussetzungen für Partnerschaften im Laufe der
Geschichte. Das „Lernziel“ aller Anstrengungen aber heißt: Beziehungskompetenz.
Dieses Ziel ist nur „erfahrungsorientiert“ zu erreichen, was in der
„Partnerschule“ geübt wird. So kann gelernt werden, „sich in Beziehungen
angemessen und kompetent zu verhalten“ und die hohe Kunst des Sich-Öffnens zu
üben: entspannen, Gefühle ausdrücken, sich anvertrauen, sich hingeben, sich
fallen lassen, Aggressionen gestalten und sich einfühlen.
Im zweiten Teil des Buches wird Sanders konkret:
Partnerschule in der Praxis. Nach dem Erstkontakt und der Bereitschaft, sich
gemeinsam auf den paartherapeutischen Prozeß einzulassen, müssen die Klienten
einige Fragebögen ausfüllen. Es wird nach der Philosophie der Ehe gefragt, wie
Partnerschaft und Familie eingeschätzt werden, welche Konflikte es bei der
Kindererziehung gibt, wie die Rollenorientierung funktioniert, ob es sexuelle Probleme
gibt; und es wird ein Paarinterview zur Beziehungsgeschichte durchgeführt. Die
„Fragebogenbatterie“ und das Interview dienen der Erstdiagnostik und einer
Katamnese. Die Partnerschule hat drei, in sich abgeschlossene Module: Das
„Basisseminar“, das „Kleine Genußtraining“, und den „Paarkibbuz“.
Das „Basisseminar“ erstreckt sich über fünf bis
sieben Tage oder wird auf zehn Abende verteilt. Es folgt eine genaue
Beschreibung des „Basisseminars“ als eine Folge von sieben Tagen: Es beginnt
mit dem Tag der Anreise und des Ankommens; in dieser Aufwärm- und
Kennenlernphase kann beispielsweise eine Phantasiereise stattfinden. Zur
diagnostischen Klärung folgt am zweiten Tag eine Darstellung der derzeitigen
Paarbeziehung: Nach einer „hypnoiden Trance“ formen die Teilnehmer bei
geschlossenen Augen aus einem Klumpen Ton eine Paargestalt. Danach werden die
Tonplastiken vorgestellt und in der Gruppe interpretiert, nicht „konkurrierend,
ironisierend oder moralisierend, sondern einfühlsam, wohlwollend, akzeptierend und
von der eigenen Betroffenheit erzählend“. Eine meditative Paarübung lässt den
Tag ausklingen.
Die weiteren Tage dienen der Reflektion über die
Tonfigur und der Gestaltung einer Kindheitserinnerung... Allen Tagen sind
Anregungen und Übungen zugeordnet, die den Fragen dieses Seminars „auf den
Grund gehen“: Was für ein Paar sind wir? Welche Schwächen und Stärken zeichnen
uns aus? Welche Beziehungserfahrungen bringt jeder in die Partnerschaft mit?
In gleicher Weise verfährt Sanders mit den beiden
weiteren Seminarmodulen. In dem dritten Teil enthält das Buch die Evaluation
von bisher durchgeführten Seminaren hinsichtlich der Zufriedenheit der
Teilnehmer.
Sanders
„Partnerschule“ erzeugt ein wohlwollendes Gruppenklima, in dem das einzelne
Paar immer wieder im Vordergrund steht. Sanders hält die Therapie in Gruppen
als die am besten geeignetste, Veränderungen des zwischenmenschlichen Erlebens
und Verhaltens herbeizuführen. Sein Buch ist eine Fundgrube mit vielfältigen,
praktischen Anleitungen für Partnerübungen, themenorientierte Phantasiereisen,
Trancen und kreativen Ausdrucksmöglichkeiten.
Zusammen
mit einem Kollegen habe ich eine erste, gelungene Erfahrung mit dem
Basisseminar „Partnerschule“ gemacht. Allerdings brauchen nach meinen
Erfahrungen manche Paare –vor oder nach der Paargruppe- weitere
Therapieangebote.